Schutzkonzept „Sexuelle Gewalt“

Präventionsmaßnahmen und Interventionsplan der Alfred-Delp-Schule/Seligenstadt bei „Sexueller Gewalt“

1.    Wie kann eine Schule in das Thema „Sexuelle Gewalt“ involviert sein?

Zu den Aufgaben der Schule im Zusammenhang mit sexuellen wie allen anderen gewalttätigen Übergriffen gehört …

·       … grundsätzlich das Bemühen, durch das Zusammenspiel verschiedener präventiver Rahmenbedingungen sexuellen Übergriffen vorzubeugen;

·       … das Erkennen/Bemerken/Ernstnehmen gewalttätiger sexueller Übergriffe und deren Verdachtsmomente;

·       … das Schützen zuallererst des von Übergriffen betroffenen Kindes/Jugendlichen, aber auch des mutmaßlichen Täters sowie der beteiligten Familien;

·       … das Helfen mit den Möglichleiten der Schule und das Inanspruchnehmen externer professioneller Unterstützungsinstanzen (Fachberatungsstellen, Erziehungsberatungsstellen, Jugendamt, Schulpsychologen…)

2.    Schulische Präventionsmaßnahmen der Alfred-Delp-Schule

Organisatorische Präventionsmaßnahmen

1.     Lehrkräfte, Mitarbeiter und die Schulleitung der Schule besuchen Fortbildungsveranstaltungen, die die Themenbereiche Werteerziehung, Gewaltprävention und Konfliktmanagement beinhalten.

2.     Unsere Sucht- und Gewaltpräventionsbeauftragte besucht die vom Schulamt ausgeschriebenen gemeinsamen Treffen und unterstützt das Lehrkräfteteam sowie Eltern bei Fragen zum Thema.

3.     Voraussetzung für Nicht-Lehrkräfte, im Rahmen der Verlässlichen Schule/ des Vertretungsunterrichts und der angebotenen AGs an unserer Schule tätig zu werden, ist die Information über Schutzkonzepte, das Unterschreiben der Selbstverpflichtung und die Vorlage eines aktuellen erweiterten Führungszeugnisses.

4.     Eltern werden im Rahmen eines Elternabends der 1.Klasse über das Schutzkonzept im Falle (sexuell motivierter) gewalttätiger Übergriffe sowie über das Gewaltpräventionskonzept informiert.

5.     Die Alfred-Delp-Schule arbeitet sehr eng und sehr produktiv mit dem Schulelternbeirat zusammen, so dass von dieser Seite Anliegen unmittelbar gemeinsam bearbeitet werden können.

6.     Aufenthalte einer Lehrkraft mit einzelnen Schülerinnen und Schülern in einem Raum sollen die Ausnahme sein. Persönliche Vier-Augen-Gespräche, z.B. im Anschluss an eine Unterrichtsstunde, finden bei geöffneter Tür statt oder sind – wie  Einzelförderungen oder Lernberatungen – offiziell vereinbart, einer dritten Person bekannt und schulintern dokumentiert.

7.     Dem unentschuldigten Fehlen eines Kindes um 8.00 Uhr sowie dem unpünktlichen Erscheinen wird nachgegangen. Die Sekretärin oder die Lehrkraft setzen sich mit den Eltern telefonisch in Verbindung. Sollte das nicht möglich sein, wird spätestens um 8.30 Uhr die Ordnungspolizei informiert.

Präventive Maßnahmen/Regeln im Lehrkräfte-Team/Verhaltenskodex

Um sexuell motivierten Übergriffen innerhalb der Schule entgegenzuwirken, haben wir einen Verhaltenskodex erarbeitet. Er zeigt klare Verhaltensregeln auf, die für alle Lehrkräfte und Mitarbeiter der Schule gelten und die helfen sollen, die persönlichen Kontakte sowie Nähe und Distanz im gegenseitigen Umgang der Menschen vor Ort zu klären und zu regeln.

1.     Körperkontakte zwischen Lehrkräften und SuS, die über das kurze Begrüßen durch „Abklatschen“, Schulterklopfen oder kurzes „Drücken“ (In-den-Arm-Nehmen) hinausgehen, sind in der Regel zu vermeiden. Auf-den-Schoß-Nehmen eines Kindes, Kopf-Streicheln oder länger Im-Arm-Trösten etc. geschieht, wenn aus dem Nähebedürfnis des Kindes heraus nötig und pädagogisch intendiert, im Beisein anderer Menschen.

2.     Notwendige körperliche Berührungen bei Versorgung von Verletzungen, die den Intimbereich des Kindes betreffen, z.B. Po oder Brustbereich, werden nur zu zweit und bei Mädchen von weiblichen und bei Jungen von männlichen Mitarbeitern vorgenommen.

3.     In Badesituationen oder bei Hilfestellungen beim Toilettengang ist auf die Intimsphäre der Kinder genauestens zu achten und diese unter Berücksichtigung der Aufsichtspflicht zu respektieren. Auch hier sollen – wenn möglich – gleichgeschlechtliche Erwachsene unterstützen.

4.     Notwendige Berührungen im Sportunterricht bei Hilfestellungen werden dem Kind angekündigt bzw. es wird um Erlaubnis gefragt. Sollte es zu unbeabsichtigten Berührungen kommen, muss sich die Lehrkraft dafür entschuldigen. Umkleidekabinen und Toiletten werden mit Anklopfen und Ankündigung betreten und nur in Situationen, wo Hilfe benötigt wird oder Konflikte der Kinder in der Kabine das Einschreiten einer Lehrkraft nötig machen. Schuhe können auch im Flur gebunden werden.

5.     Bei Klassenfahrten betreten Lehrkräfte die Zimmer der Kinder nicht, ohne anzuklopfen. Die Kinder verbringen die Nacht in ihrem eigenen Bett, keinesfalls bei der Lehrkraft. Die Klassenfahrten begleiten, wenn möglich, immer weibliche und männliche Bezugspersonen. Beim An- und Ausziehen und bei der Körperhygiene werden Kinder durch Lehrkräfte nicht beobachtet oder kontrolliert. Gleichgeschlechtliche Lehrkräfte dürfen helfen, wenn Hilfe vom Kind gewünscht wird, und in diesem Fall, wenn möglich, im Beisein eines anderen Kindes oder einer anderen Aufsichtsperson.

6.     Teilhabeassistenten und Teilhabeassistentinnen, die für körperlich und geistig eingeschränkte Kinder zuständig sind, halten sich beim An- und Ausziehen und bei der Körperhygiene auch alleine bei dem zu betreuenden Kind auf oder besuchen eine Gemeinschaftsumkleide regelmäßig zum Helfen. Diese individuellen Betreuungszeiten sind anderen Lehrkräften bekannt und in der Kindergruppe angekündigt.

7.     Lehrkräfte sollen Kinder mit einer respektvollen und klaren Sprache begegnen, die frei ist von missverständlichen, zweideutigen Ausdrücken.  Jedes Kind wird mit seinem Namen oder Rufnamen angesprochen und nicht mit Kosenamen.

8.     Lehrkräfte geben Kindern keine Küsse und zeigen sich nicht nackt vor den Kindern.

9.     Es werden keine Fotos von unbekleideten Kindern oder Kindern in Badesachen gemacht.

10.  Das Zeigen von Bildern, Filmen oder anderen Darstellungen, welche die Würde von Frauen und Männern beeinträchtigen und/oder auf denen Szenen sexuellen Inhalts zu sehen sind (nicht gemeint sind erklärende altersgemäße Darstellungen/Zeichnungen im Rahmen des Sexualunterrichts), stellt eine sexuelle Belästigung dar. Lehrkräfte sind verpflichtet, einzugreifen und das Material zu konfiszieren.

11.  Lehrkräfte intervenieren bei jeglicher Form sexueller Belästigung und Übergriffigkeit, die sie beobachten. Kommt es in einer Klasse wiederholt zu Situationen, in denen es an gegenseitigem Respekt fehlt und Grenzen missachtet werden oder in denen Mitglieder der Gemeinschaft durch peinliche und ironische Bemerkungen und Ausdrücke verunsichert und bloßgestellt werden, müssen sofortige Maßnahmen ergriffen werden, um das zu beenden.

Lehrkräfte und sämtliche pädagogischen Mitarbeiter unterschreiben eine Selbstverpflichtungserklärung, in der dieser Verhaltenskodex schriftlich niedergelegt ist.

(s. Anhang)

Wertevermittlung/Leitideen/Gesprächs- und Helferkultur/
Gewaltpräventionskonzept der Alfred-Delp-Schule

Unsere Leitideen

Wir helfen und unterstützen uns gegenseitig.

Wir planen und strukturieren unsere Aufgaben und erledigen sie verantwortungsbewusst.

Wir wecken Verständnis für Verschiedenheit und nutzen diese für die Gemeinschaft.

Wir schaffen Raum für sachliche und wertschätzende Kommunikation.

In unserer kleinen Schule herrscht ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung, Unterstützung und Partizipation. Daran arbeiten wir in allen Bereichen des Alltags und sind als Lehrkräfte immer Vorbild und Lernbegleiter. Gemäß unserer im Team erarbeiteten Leitideen besteht ein gemeinsam erarbeiteter Konsens über ethische, pädagogische Grundhaltungen, Normen und Regeln an unserer Schule und deren Umsetzung im Unterricht und im gesamten Schulleben. Sie sind Grundlage friedlichen menschlichen Zusammenlebens und unserer Wertevermittlung in der Schule. Verwiesen sei an dieser Stelle auf unser Gewaltpräventionskonzept, in dem gemeinsame Arbeit mit den Kindern für ein vertrauensvolles, gewaltfreies Zusammenleben beschrieben wird. Stopp-Regel, Klassenrat, Schülerparlament, Schulordnung und Erziehungsvereinbarung, ansprechend gestaltete und gepflegte Lernumgebung, gemeinsame klassenübergreifende Aktivitäten und Veranstaltungen, offene Türen in Klassenräumen, bei der Schulleitung, im Lehrerzimmer, bei Sekretärin und Hausmeister. Diese Offenheit und Übersichtlichkeit einer kleinen Schulgemeinde rechtfertigt, dass es bei uns keine spezielle Beschwerdestelle, d.h. eine besondere Lehrkraft / eine schulische Ansprechperson, für gewalttätige Übergriffe gibt. Jeder kennt hier fast jeden. Kinder, Lehrkräfte und Eltern können mit den Personen in Kontakt treten, denen sie in dem Moment das größte Vertrauen entgegenbringen. Alle Lehrkräfte zeigen und leben vor, dass sie hin und wieder Hilfe brauchen und danach fragen, dass sie Gefühle haben, die manchmal verletzt werden, so dass sie traurig, verärgert oder unsicher sind. Sie leben vor, dass man das auch zeigen und sagen darf.

In Abständen von ca. 3 Jahren laden wir das Team eines Sicherheitstrainings – CONVA – zu uns an die Schule ein. Dort werden an drei Tagen viele verschiedene alltägliche, aber gefahrbringende Situationen mit den teilnehmenden Kindern und den ebenfalls anwesenden Eltern durchgespielt und Lösungsstrategien sowie Hilfeholen intensiv geübt. Auch eine Belästigung durch einen Onkel wird angedeutet, die Erlaubnis, „Nein! zu sagen bei unangenehmen Gefühlen gegenüber eines zu nahe kommenden Erwachsenen, wird demonstriert und trainiert.  Das Intensivwochenende für Kinder und deren Eltern ist zwar kostenpflichtig, wird aber von den Eltern immer wieder für ihre Kinder gewünscht und von der Schule gebucht. Kinder gehen immer sehr gestärkt und Eltern beruhigt aus dieser Veranstaltung.

Sexualerziehung ist Aufklärung

Es muss davon ausgegangen werden, dass in jeder Klasse Kinder unterrichtet werden, die in ihrer Vorgeschichte mit Grenzüberschreitungen von Seiten ihrer Bezugspersonen oder von Übergriffigkeiten seitens anderer Kinder konfrontiert waren und sind. Diese Kinder zeigen möglicherweise auch anderen Menschen gegenüber dysfunktionale sexualisierte Formen der Kontaktaufnahme oder wirken in bestimmten Situationen gehemmt, auffällig, zurückgezogen etc. Ein gemeinsamer Sexualkundeunterricht schon in der Grundschule gewinnt vor diesem Hintergrund eine weit über die Erklärung von Reifung, Zeugung und Empfängnis gehende Bedeutung. Ein aufklärender Sexualunterricht, der Kinder vor gewalttätigen sexuellen Übergriffen schützen hilft, beinhaltet weit mehr:

·       angemessen, offen und dabei sensibel über Sexualität sprechen

·       eine kritische Haltung gegenüber Zwängen und sexuellen Aufforderungen entwickeln

·       ein Bewusstsein für die eigene Intimsphäre entwickeln

·       das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, kennenlernen und einfordern lernen

·       dem eigenen Gefühlsleben vertrauen lernen, um Angenehmes und Unangenehmes zu unterscheiden und entsprechend zu reagieren

·       gute und schlechte Geheimnisse unterscheiden

·       Nein-Sagen üben

·       Mut entwickeln, sich Hilfe zu holen.

Ein aufklärender und dem Schutz unserer Kinder dienender Sexualunterricht muss angesichts vielfältig in unsrer Lebenswelt existierende Formen sexueller Gewalt – verbale Belästigungen, Bloßstellungen, Beleidigungen ebenso wie handgreifliche Zwänge, Drohungen und Vergewaltigungen – macht Kindergefühle und -wissen sicher darin, was andere Menschen, insbesondere auch Erwachsene dürfen und was nicht und vermittelt ihnen dabei keine Angst vor Sexualität, sondern stärkt sie, sich Hilfe zu holen, wenn es notwendig würde. So können Kinder sensibel werden, zu wissen, was schön und was nicht schön ist, was erlaubt und was verboten ist. Sie können lernen, selbst nicht übergriffig zu werden, wenn andere Menschen bestimmte Verhaltens- und Annäherungsweisen nicht möchten. Sie können neugierig bleiben, Fragen stellen, Geheimnisse entdecken, ohne Mitschüler und Mitschülerinnen zu verletzen. Sie lernen im Rahmen der Sexualerziehung auch, dass es eine verletzende, bloßstellende Sprache gibt, die – vor allem von jungen Grundschulkindern unachtsam nachgeplappert – andere Menschen beleidigt und einschüchtert. Deswegen ist der Sexualkundeunterricht in der Grundschule so wichtig.